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Reindrängeln

“Von rechts über den doppelt durchgezogenen fetten Strich auf die Abbiegespur ziehen – die Individualisten unter uns wissen, dass die StVO da ist, um interpretiert zu werden.

Ähnlich wie die Noten einer Mozart-Sonate oder die Worte eines Goethe-Gedichts erst durch künstlerisch wertvolle Entpapierisierung unser Herz erreichen. Oder auch der klassische Sechser im Fußball, der bei Bedarf einen Zehner geben kann, vorausgesetzt, der Linksverteidiger interpretiert seine Rolle offensiv. Buchstabentreue war gestern, Interpretation ist das Gebot der Stunde. Arschloch! Brutal wie eine Vollbremsung muss hier zurück zum Thema des Reindrängelns auf unseren Autobahnen gekehrt werden. Denn fluchen und in die Mücken steigen ist eins, wenn links von einem dichtgemacht wird.
Der professionelle Reindrängler hat drei potenzielle Partner, wenn er kurz vor der Böschung rüberwill.

1. Der Penner. Sitzt verpennt hinter seinem Steuer, Ohren zugestöpselt, leicht verträumtes Trommeln der Fingerspitzen auf dem Lenkrad. Chris de Burgh? U2? Helmut Lotti? Egal. Der Penner lässt einen heiligendammesken Abstand zum Vordermann, hat sich bereits nach Verlassen der häuslichen Garage auf die richtige Spur eingeordnet und lässt Sie unbemerkt rüber. Fast ein bisschen langweilig.

2. Der Dichtmacher. Hat den Blick stur nach vorn gerichtet, klebt an der hinteren Stoßstange des Vordermanns und riskiert eher einen Auffahrunfall, als auch nur einen Nanometer Platz zu machen. Überwiegender Fahrzeugtyp: Mittelklassewagen, für den er noch 70 Euro mehr will als auf der Schwackeliste. Accessoire: selbsttönende Sonnenbrille aus den Endsiebzigern mit abblätternder Bügellegierung. Zwischen Staubeginn und -ende muss er mindestens zweimal den Saugnapf vom Billignavi wieder ranmachen. Aggressionspotenzial: sehr, sehr hoch.

3. Der Terminator. Fast ausschließlich in nagelneuen Lkws mit extrem cooler Aufmachung anzutreffen. Lässt Sie etwa bis zur Hälfte Ihrer Kühlerhaube rein, dann kommt eine Lichthupe, verglichen damit ist Flutlicht Candlelight. Scheibe schwarz, Reifen zermalmend, Bremsweg fehlt. Sie denken nur noch eins: Steven Spielberg, Duell.

PS: Wir wollen nicht verschweigen, dass es auch den Entspannten gibt, der einen lässig rüberwinkt. Aber mal ehrlich: Wollen wir den?”

Quelle: focus.de – Harald-Schmidt-Kolumne 2007/25
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